MittelPunkt 2020 – Entlassungsbericht

Das Wochenende der offenen Tür in der Klinik für unseren Lieblingspatienten LARP liegt hinter uns, die Pforten sind wieder geschlossen, der Chefarzt hat endlich Feierabend. Der Ansturm der LARP-Angehörigen wurde seitens des Klinikteams professionell und mit Humor aufgefangen und behandelt, die verschiedensten Abteilungen stellten sich vor. Der Zeitplan zeigte sich vielfältig – nicht nur Virologen kamen zur Sprache. Auch blieb genügend Raum für Selbsthilfegruppen oder Selbsterfahrung.

Ja, der Hygiene wurde der Auftakt zu Teil. Anpassungsfähigkeit ist eine grundlegende Eigenschaft des Menschen und auch bei diesem viel in der Öffentlichkeit diskutierten Thema „Wie leben mit Covid 19?“ zeigte sich, dass es möglich ist. Was früher die Kopfbedeckung ist nun eben die Gesichtsmaske. Am Feuer kreist nicht mehr das Horn, sondern jedem wird persönlich eingeschenkt. Die Schlafgelegenheiten werden komfortabler und der Wert von Orga-Arbeit sowie Extramaterialien wird mit einberechnet werden müssen.

Sehr gut besucht wurden die unterschiedlichen psychologischen Angebote. Ernste Diskussionen über eine Trauerkultur in der LARP-Szene (und in der Gesellschaft) wurden geführt und der Vorteil der Emotionalität von LARP und die dazugehörigen Ausdrucksmöglichkeiten herausgestellt. Wird es ein für alle verständliches Zeichen oder einen festen Ort auf Großcons geben? Einen digitalen Ort zum Trauern? Oder bleibt es IT und persönlich? Ein weiteres, viel beleuchtetes Thema ist die Verantwortung für die Psyche aller Beteiligten. Niemand weiß im Vorfeld, was genau auf einer Veranstaltung passieren wird, mit welchen Voraussetzungen die Menschen anreisen, welche Belastungen vorliegen, was Trigger sein könnten und wie die Reaktionen ausfallen könnten. Wie könnten Vorbereitungen seitens einer Orga aussehen? Vorwarnungen, Gefährdungsstufen, Haftungsausschlusserklärungen? Eine Notfalltasche mit Desinfektionsmittel, Verbandsmaterial und ähnlichem gehört zur Standartausrüstung, im Zweifel im Auto zu finden. Jedoch wie sieht eine Notfallrüstung bei bspw. einer Panikattacke aus? Eine blutende Wunde ist leicht zu erkennen, aber eine unter Schock stehende Person? Das Problem kristallisiert sich erst Tage später heraus, ist nun die Orga noch Ansprechpartner, sollte sie es sein? Klar ist, ein Erste-Hilfe-Kurs für Wundversorgung ist leichter.

LARP mal sauber – der Sportplatz ist geschlossen. Früher war ein Con ohne anschließende blaue Flecken, eingerissene Klamotte oder ein Gegenstand zu viel bzw. zu wenig kein Con. Am Abbautag wehmütig sich zu beklagen, warum bloß diese Plackerei ertragen und sich auf der Rückreise bei der nächstgelegenen Gastronomie einzufinden, das hat doch Tradition! Jetzt sich vor dem Bildschirm einfinden, es sich daheim gemütlich machen und hoffen, dass die Technik durchhält. Ist das noch LARP? Ja! LARP eben anders. Es kann natürlich nicht die körperlichen Leiden des Schlachtfeldes ersetzen, will und wird es auch gar nicht. Digitales LARP ist eine Form, die nicht jeden Menschen oder nicht ständig anspricht. Jedoch erweitert es die Möglichkeiten LARP zu leben, ob als spontane Entscheidung, als Variante für Menschen ohne Optionen quer durch das Land zu reisen oder eben einfach ein weiteres Setting in der großen Vielfalt. Eine zusätzliche Option ist die Aufzeichnung des Gespielten. Für manche eine wundervolle Form Erinnerungen zu bewahren oder Außenstehenden LARP näher zu bringen, für andere spielverhindernd und abschreckend.

Eine Bibliothek darf natürlich in so einer Klinik nicht fehlen. Die Sammlung wächst und wächst und die Themen sind vielfältig. Doch wie lautet die Geschichte dieses Raumes, welche sind die Beweggründe der Verlagshäuser ohne deren Unterstützung es gar nicht möglich wäre. Mit welchen Perspektiven und Zielen werden Schriftstücke verpasst, welche Botschaften sollen gelesen werden? Um ein paar Kategorien zu nennen, es gibt Sachbücher, Poesie, Ratgeber, Romane und vieles mehr, nicht nur in deutscher Sprache! Englischsprachige Veröffentlichungen werden nicht überraschen, aber eine japanische Zeitschrift vermutlich schon eher.

Die Verwaltung, zugegeben ein eher unbeliebter Bereich und mit Vorurteilen besetzt, sie hängt an ihrem TROPF. Eine Arbeit, für die es kaum Lob gibt, die nicht gesehen wird, da sie meist hinter den Kulissen und verschlossenen Türen stattfindet. Doch ohne diese Strukturen, ist das Fundament einer Veranstaltung nicht gerade als sehr belastbar zu bezeichnen. LARP wird professioneller, längst sind es nicht mehr nur 10, 20 Leute aus ein, zwei Dörfern, die sich zum Spiel verabreden und nur das Nötigste mitgebracht wird. Ansprüche, Möglichkeiten und Reichweite sind gewachsen, Kreativität trifft auf Bürokratie, Abenteuerlust und Ambienteträume auf Sicherheitsvorschriften. LARP muss sich dem stellen und weiterentwickeln. Zu Beginn steht ein Berg voller Arbeit, wenn jedoch erst einmal ein gut funktionierendes System geschaffen ist, muss sich nicht jedes Mal wieder neu der Kopf zerbrochen werden, da die Notizzettel für die letzte Planung nicht mehr auffindbar waren. Sondern einfach die entsprechende Schublade im Ablagesystem öffnen und die passende Vorlage herausnehmen und loslegen. Ein Schrank mit vielen leeren Schubladen steht schon im Verwaltungstrakt und wartet nun auf seine Nutzung, vereinzelte Vorlagen lassen sich schon finden.

Lust auf einen Filmabend? Im Klinikum gibt es sogar einen kleinen Kinosaal. Einfach in den Sesseln bequem sich hinsetzen, Popcorn auf den Schoß und los geht’s. Sickermoor. Du betrittst die Wohnung einer Familie und folgst den Spuren ihrer Geheimnisse… Der Film zeigt ein Stimmungsbild des zuvor stattgefundenen immersiven LARP, das detailreiche Setting und tiefgründig gestaltete NSCs festzuhalten war mitunter Motivation für dieses Filmprojekt. Anschließend an die Vorführung läd die Diskussionsrunde mit ein paar Beteiligten zu einem Blick hinter die Kulissen und philosophischen Ausflügen ein.

Doch lieber Rant? Knallharte Meinungen zu den Dingen, die im LARP-Alltag schieflaufen. Einfach mal Druck ablassen erleichtert die Seele. Festgefahrene Denkmuster, längst überholte Gewohnheiten und unangemessene Ausdrucksweisen sowie einseitige Berichterstattung. Alle bekommen ihr Fett weg.

Höhepunkt des Wochenende war die Verleihung des FRED. Zunächst wurden die Nominierten in den einzelnen Kategorien Gesamtdesign, Nachwuchsförderung, Ausstattung, Mini-Larp/Dramagame und als Sonderpreis Community vorgestellt. Mit Spannung wird das Ergebnis erwartet! *Trommelwirbel* Die Gewinner werden bejubelt und gefeiert. Emotionen auf Distanz, es funktioniert.

Entlassung in die REHA. Diverse Thematiken wurden besprochen, Ideen und Theorien diskutiert, Vorschläge erörtert und mögliche Lösungen erarbeitet. Nun geht es ins Training und in die Weiterentwicklung des Ganzen. Je nach Schwerpunkt können daher unterschiedliche Einrichtungen angestrebt werden – doch allen gemein ist die Gesundung unseres Patienten LARP. Eine interdisziplinäre, therapeutische Begleitung ist notwendig, zusammen schaffen wir das! Auf das wir bei der nächsten Konferenz einander viel zu berichten haben und es unserem LARP wieder besser geht, auch wenn es verändert sein wird!

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